Seit einem Jahr ist es leise geworden um das Import Export und die meisten anderen Kultureinrichtungen. Mit der Open kommen wir zurück um Kunst, Kultur, Musik, Politik eine Bühne zu bieten. Wir wollen das Festival nutzen um Diskurse zu fördern, welche mehr Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit verdienen. Feminismus, Decoloniality, Recht auf Stadt, Klimagerechtigkeit, Antirassismus und weitere Themen sollen uns begleiten und inspirieren.
Der monatliche Fokus wird von Künstler:innen und Freund:innen visualisiert, beschrieben und im Programm umgesetzt.

Im Mai: „Frauen in der Musik“ mit einem Vorwort und einer Veranstaltung von We Won’t Shut Up.
Im Juni: „Decoloniality and Pop“ mit einem Vorwort und einer Veranstaltung von Cornelia Lund und Holger Lund.


Vorworte

„Für ne Frau gar nicht schlecht!“

Dass immer noch solche Sprüche zu hören sind. Dass es immer noch ein Kuriosum für die meisten Menschen ist. Dass immer noch darüber diskutiert werden muss. Dass es immer noch keine Selbstverständlichkeit ist. Es geht um Frauen auf der Bühne und dahinter. Um Sängerinnen, Musikerinnen, Frauen in wichtigen Rollen in der Musikproduktion und im Management. Um Veranstalterinnen, Tontechnikerinnen und um Frauen in allen weiteren Bereichen der Musik. Es ist das Jahr 2021 und wir haben noch nicht einmal annähernd eine Gleichwertigkeit erreicht. Männer dominieren das Musikgeschehen flächendeckend und bis auf einige wenige, sehr berühmte Aushängeschilder am Pop-Olymp, die es durch unwahrscheinlich viel Arbeit geschafft haben, sich durchzusetzen, haben Frauen noch immer kaum Chancen auf faire Behandlung in dieser Branche.
Aktuelle Studien legen nahe, dass wir nicht nur einen gesellschaftlich-kulturellen Nachholbedarf haben, sondern einen regelrechten Abwärtstrend des Frauenanteils in der Musik. So berichtet die University of Southern California (USC) – um nur ein Beispiel von vielen zu nennen – dass die Zahl der ausführenden Künstlerinnen von 22,5 Prozent im Jahr 2019 auf 21,6 Prozent in 2020 gesunken ist. Und das bezieht sich lediglich auf die erfolgreichsten Songs der beiden Jahre. Von der Klassik ganz zu schweigen, in der der Gender Gap mit einem Frauenanteil am Dirigierpult in der Konzertsaison 2019/20 bei den deutschen Berufsorchestern mit 7 Prozent erschreckend offensichtlich ist (Bericht von „Archiv Frau und Musik Frankfurt/Main“ und „musica femina münchen“).
Es liegen also noch ein weiter Weg und viel Arbeit vor uns, wenn wir diese Kluft schließen und Gleichwertigkeit erreichen wollen. Aber es gibt auch Hoffnung und positive Entwicklungen. In den letzten Jahren wurden Vereine gegründet und Aktionsbündnisse geschaffen mit dem Ziel, auf Missstände aufmerksam zu machen, über Möglichkeiten zu informieren, Frauen eine Bühne zu geben und aktiv Veränderung zu schaffen. Musikveranstalter können mittlerweile die Ungleichheit nicht mehr ignorieren, es gibt bereits Festivals, bei denen ein 50-50-Lineup Pflicht ist und bei öffentlichen Stellen gilt bei einer Bewerbung für Zuschüsse für Konzertveranstaltungen immer häufiger die Auflage, dass ein ausgewogener Frauenanteil gegeben sein muss. Das reicht bei weitem noch nicht für eine grundlegende Verbesserung des Status Quo, ist aber ein Schritt in eine gute Richtung.
Auch im Rahmen der Import Export Open, die in diesem Jahr vom 5. Mai bis zum 2. Oktober stattfindet, wollen wir auf diese Themen eingehen. Deswegen steht der Monat Mai unter dem Motto „Frauen in der Musik“. Wir freuen uns auf inspirierende Veranstaltungen von und mit Frauen auf und hinter der Bühne. Und wir freuen uns auf regen Austausch, neue Impulse und das gemeinsame Erleben von tollen Konzerten!
Auf dass bald keine dummen Sprüche mehr zu hören sein werden, dass Frauen in der Musik bald kein Kuriosum sein werden, dass die Diskussionen irgendwann nicht mehr nötig sein werden und dass wir endlich in einem Zustand der Selbstverständlichkeit ankommen.
We Won’t Shut Up


Eine Geschichte der Flops

Wie bitte? Freddy Quinn, Peter Maffay und Udo Lindenberg sangen auf Türkisch? Und Ajda Pekkan, Nilüfer und Neşe Karaböcek sangen auf Deutsch? Wo geschah das? Hier, in einer Welt der Flops, wenn es um türkisch-deutschen Musikaustausch ging.
Freddy Quinn schwor dem Türkischen rasch ab, Peter Maffay flüchtete aus der Arbeit mit der Hip-Hop-Formation Cartel nach Tabaluga und Udo Lindenbergs Management sagte die mit seiner Duett-Partnerin Sezen Aksu geplante Tour ab. Schaut man sich die Diskografien von türkischen Sänger*innen an, so kommt es nur sehr sporadisch zu deutschem Gesang.
Es bleibt die Geschichte einer sprachlich-musikalischen Annäherung, die stets scheiterte, bis sich eine neue Generation von Menschen türkischer Herkunft des Deutschen im Hip-Hop bemächtigte und diesen in Deutschland initiierte. Und zwar – auch wenn die deutsche Hip-Hop-Geschichtsschreibung das meist ausblendet – zwei Jahre vor den Fantastischen Vier mit Yarınistans „Ali Rap“ (1990), das auf einem Nilüfer-Sample basiert. Was uns erneut zum Deutschen führt: denn „Ali“ war einer der wenigen deutschen Titel von Nilüfer.
Hier ist eine Verwobenheit der Dinge zu erkennen, die zu besonderen musikalischen Kombinationen geführt hat. In diese möchten wir eintauchen, denn die Geschichte türkischer Musik in und aus Deutschland muss nicht nur neu geschrieben werden – sie muss erst einmal überhaupt geschrieben werden. Einen Impuls dafür möchten wir am 24. Juni mit der „Listening Session: deutsch-türkische Musikverhältnisse“ zusammen mit Tuncay Acar setzen.
Wir erörtern, wie der kulturelle Rahmen der Rezeption und Verbreitung von Musik in Deutschland aufgebaut wurde und welche sozialen und musikalischen Konflikte berührt wurden. In jüngster Zeit hat sich dabei das Blatt gewendet: Seit kurzem findet nicht nur in Deutschland eine sehr erfolgreiche Rezeption des (neo-)anatolischen Pop statt, etwa von Altın Gün, Baba Zula und Derya Yildirim. Zum ersten Mal schätzt ein nicht-türkischsprachiges Publikum in Deutschland Anadolu Pop. Wir schauen, wie es dazu kommen konnte. Was sind die Elemente des Wandels?
Cornelia Lund, Holger Lund