Johannes Kuhn

Die Besetzung von alten Industrieanlagen und Brachflächen durch Clubs, Theater, Kulturzentren, Galerien, Ateliers war bis in die 1990er Jahre ein Weg neue Orte für urbane Gegenkultur, politischen Protest und nicht normative Lebensentwürfe zu schaffen. Diese neue Raumpraxis machte besonders Berlin zu einer Stadt der radikalen gesellschaftlichen Experimente. Spätestens nach der Jahrtausendwende zeichnete sich ab, dass auch die Gegenkultur nicht davor gefeit ist, zu einem Faktor der kapitalistischen Urbanisierung zu werden. Der Mythos von Berlin brachte nicht nur Freiheiten, sondern auch Prozesse der Gentrifizierung und Verdrängung.

Berlin war verschuldet und brauchte einen Standortfaktor, um in den Wettbewerb der Metropolen zurückzukehren. Aufgrund der fehlenden wirtschaftlichen Produktivität wurde die kulturelle Urbanisierung zur Strategie um Investor:innen anzuziehen. Unter dem Motto „Arm, aber sexy“ wurde das nonkonformative Image zum Katalysator der Stadtentwicklung. Welche Funktion Kulturschaffende im heutigen Neoliberalismus einnehmen, haben unter anderem Richard Florida und Andreas Reckwitz untersucht. Sie verbinden mit den Narrativen der „kreativen Klasse“ oder der „Gesellschaft der Singularitäten“ weniger ein Gestaltungspotential durch Künstler:innen und Planer:innen, sondern vielmehr einen Parameter in der spekulativen Stadtentwicklung. Während sich die Unternehmen der Kreativwirtschaft in den Innenstädten ausbreiten, fallen Künstler:innen dem Mythos der „kreativen Stadt“ zum Opfer. Der Untergang von alternativen Kultur- und Raumproduktionen sind die Folge dieser Vermarktung.

Auch in München sind Räume für Kultur umkämpft. Die ehemalige Luitpoldkaserne am Leonrodplatz ist eine dieser Flächen. Im Unterschied zu anderen Kunstarealen wie dem Gängeviertel in Hamburg oder der Arena in Wien wurde die Kaserne nicht besetzt, sondern als Zwischennutzung vergeben. Ab 1992 konnten Künstler:innen zeitweise Räume beziehen, welche auf dem regulären Immobilienmarkt niemals erschwinglich gewesen wären. Bei Zwischennutzungen werden aus dem Markt gefallene Objekte für eine begrenzte Zeit den Protagonist:innen der Offkultur überlassen, die sie dann mit geringem Budget und viel Einsatz bespielen und für den Markt aufwerten. Diese Praxis der Raumvergabe bedeutet eine permanente Unsicherheit für die Akteure. Durch einen Ideenwettbewerb und die Aneignung von Flächen konnte sich die Nutzung im sogenannten Kreativquartier dennoch verstetigen. Auf fünf Hektar hat sich ein vielfältiges Quartier mit Musik, Theater, bildender Kunst, Tanz sowie sozialen und nachhaltigen Initiativen entwickelt. Doch auch hier droht mit dem Einzug der ersten Startups, Innovation Labs und Corporate Innovators aus der alternativen Raumproduktion eine Vermarktung der prekären Gegenkultur zu werden.

Um Räume für urbane Subkultur, politischen Protest und nicht normative Lebensentwürfe zu schaffen, muss die Verwertungs- und Standortlogik durchbrochen werden. Gegenkultur ist nicht dafür da um alte Fabrikflächen mit kurzweiligen Spektakeln in Wert zu setzen. Subkultur braucht keine strategisch platzierten Kreativimmobilien, sondern Orte mit günstigen Mieten an denen gewohnt und gearbeitet werden kann. Die Frage der Gegenkultur ist eine soziale Frage, welche alle betrifft, die nicht in das Narrativ einer „kreativen“ Metropole der Zukunft passen.


Johannes Kuhn arbeitet als Designer in Hamburg und München. Er ist Dozent im Fachbereich Architektur und war Teil der Initiative Satellit Kreativquartier München. www.johanneskuhn.de

Der Essay erschien im September 2021 im Rahmen des Open Festival. Mit dem Format „Diskurse gegen den Kanon und für die Polyphonie“ will das Import Export Diskurse fördern, welche mehr Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit verdienen. Feminismus, Decoloniality, Klimagerechtigkeit, Antirassismus, Recht auf Stadt und weitere Themen sollen das Festival begleiten und inspirieren. Der monatliche Fokus wird von Künstler:innen und Freund:innen visualisiert, beschrieben und im Programm umgesetzt.